LULU IN BERLIN

 

 

Die Seite „Louise Brooks – Lulu in Berlin“ befasst sich nahezu ausschließlich mit den größten Filmen der amerikanischen Stummfilmschauspielerin, Tänzerin und Schriftstellerin Louise Brooks. Die Filme „Die Büchse der Pandora / Pandoras Box“ und „Tagebuch einer Verlorenen / Diary of a lost girl“ entstanden beide im Jahr 1929 , unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst, in Berlin.

Keine Zweite verkörperte die von Frank Wedekind in den Stücken „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ geschaffene Figur „Lulu“ wie Louise Brooks.  Im Vorwort ihrer Autobiographie „Lulu in Berlin und Hollywood“ ( Fischer – Cinema ) schreibt William Shawn „...Zahlreiche Schauspielerinnen haben diese Rolle auf der Bühne gespielt. Seit Alban Berg seine singende, atonale Lulu in der gleichnamigen Oper schuf, haben zahlreiche Sängerinnen die Rolle gesungen. Doch es war Louise Brooks, die, stumm und aus sich selbst heraus, die grundlegende, die einzige Lulu schuf. Während die Jahre vergangen sind, hat sich das Bild der Louise Brooks als Lulu auf der Leinwand behauptet und jede andere Darstellung der Figur beeinflusst und durchdrungen.

Es ist schwer zu glauben, dass Louise Brooks unabhängig von ihrer Kunstschöpfung existiert.

Für Pabst waren beide identisch, und sogar Louise Brooks verwechselt sie in manchen Augenblicken. Zweifellos ist die Seele von Louise Brooks Lulus Seele nicht unähnlich – eine Hedonistin, die die Sünde nicht kennt, die für den Augenblick lebt und die Männer im Vorbeigehen vernichtet.

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Der verstorbene Kenneth Tynan, der das klassische , definitive portrait von Louise Brooks geschrieben hat, das 1979 in „The New Yorker“ veröffentlicht wurde, zitiert den französischen Kritiker Ado Kyrou mit den Worten „Louise Brooks ist die einzige Frau, die die Fähigkeit besaß, egal welchen Film in ein Meisterwerk zu verwandeln....Louise ist die vollkommen Erscheinung, die Traumfrau, das Wesen ohne das das Kino etwas Armseliges wäre.“

 

Als Filmschauspielerin präsentiert sich Louise Brooks der Kamera offen und ehrlich, total, ohne Ausflüchte, und daraus entsteht jene erhabene Schauspielkunst, die einem überhaupt nicht mehr gespielt vorkommt.

Als Schriftstellerin tut sie im Grunde das Gleiche. Ihre anscheinend angeborene Fähigkeit, der Leinwand sich rückhaltlos auszuliefern, überträgt sich auch auf ihr Schreiben.

Wenn sie etwas zu sagen hat – und gewöhnlich hat sie etwas zu sagen-, weiß sie die richtigen Worte richtig zu setzen, und man hat das angenehme Gefühl, dass, was sie geschrieben hat, für sich selbst steht : Sie fordert nichts dafür. Ihre Direktheit, ihr starker Drang, die Wahrheit zu sagen, ihre Weigerung, etwas zurückzuhalten – diese Eigenschaften sorgen für eine literarische Grundlage , von der sie sich ohne weiteres emporschwingen kann und das tut sie auch.

An einer Stelle des Buches schrieb sie: „Und so bin ich denn im grausamen Streben nach Wahrheit und Vortrefflichkeit ein unerbittlicher Scharfrichter des Unechten geblieben, allen ein Greuel, außer den wenigen Menschen, die ihre Abneigung gegen die Wahrheit besiegt haben., um das zu befreien, was Gutes in ihnen steckt.“

Ihre Freundin, die deutsche Filmkritikerin Lotte H. Eisner, schrieb im Nachwort der Autobiographie „Lulu in Berlin und Hollywood“ Folgendes :

„Angefangen hat alles 1929. Seit Oktober 1927 schrieb ich schon für den Berliner Film-Kurier, eine Tageszeitung, die sich mit Film und Theater befasste. Um mehr über die Techniken und Formen des Films zu lernen, hatte ich es mir zu rituellen Gewohnheit gemacht, die Ateliers zu besuchen, denn ich wollte sehen, wie diese neue Kunstform des Jahrhunderts praktiziert wurde.(...)

Eines Morgens fuhr ich in ein Studio am Rande von Berlin, wo G.W.Pabst das „Tagebuch einer Verlorenen“ drehte. Ich kam ins Atelier, als gerade die Scheinwerfer eingerichtet wurden, und mit sichtlichem Stolz stellte mir Pabst mich der Schauspielerin vor, die die Heldin seines Films spielte; es war eine junge Amerikanerin von faszinierender Schönheit, die dort saß und las, es war eine Übersetzung der kleinen Schriften Schopenhauers.

Ich hielt das natürlich für einen Reklametrick von Pabst,; er wusste nämlich genau, dass ich ein Universitätsstudium absolviert hatte. Zunehmend wurde ich mir jedoch einer fast magischen Kraft bewusst, die von dieser seltsamen jungen Frau ausging, die nur sehr wenig sprach, auch wenn ich mich in Englisch an sie wandte. Es war Louise Brooks.

 

Ich blieb, um Pabst bei der Arbeit zu beobachten. Und diese Louise Brooks, die ich kaum reden hörte, faszinierte mich unablässig durch eine merkwürdige Mischung aus Passivität und présence , die sie während der ganzen Dreharbeiten umgab.

Diese Eindrücke stellten sich bei mir wieder ein, wurden vollkommen bestätigt, als ich schließlich den Film sah. Und als ich viel später , im Jahr 1952, mein Buch „L`Ecran Démoniaque“ schrieb, erinnerte ich mich dieses Besuches in Pabsts Studio und bemerkte anlässlich zweier seiner Filme: „Louise Brooks existiert nämlich mit einer erschütternden Eindringlichkeit, sie wandelt durch diese beiden Filme mit einer rätselvollen Unpersönlichkeit. ( Ist sie wirklich eine große Schauspielerin oder ist sie lediglich ein blendendes Geschöpf, dessen Schönheit den Zuschauer verführt, ihr vielfältige Eigenschaften zu verleihen, denen sie im Grunde fern bleibt ? ).“

Die Antwort auf diese Frage erhielt ich bald darauf. In den fünfziger Jahren lud die Cinemathéque Francaise Louise Brooks nach Paris ein, und ich hatte die Gelegenheit, sie einen ganzen Monat zu interviewen.

Zu der Zeit – und dies war charakteristisch für ihre streng nonkomformistische Art – sie trug sie nicht mehr die Ponyfrisur, die in den Zwanzigern so berühmt geworden war. Ganz im Gegenteil : Sie kämmte ihr Haar absichtlich zurück und zeigte ihre immer noch makellose Stirn. ( Sie hatte sich ihr außergewöhnliches Profil bewahrt.).

Einer ihrer heftigsten Verehrer, Ado Kyrou, war darüber sehr bekümmert, denn er hatte nicht begriffen, dass Louise Brooks in ihrer ungehemmten Art dem Glamour ihrer Vergangenheut entschieden den Rücken gekehrt hatte und völlig in der Gegenwart lebte.

Mir war inzwischen klar, dass sie sich vom Film auf der Höhe ihres Ruhms zurückgezogen hatte und nicht, wie manche anderen Stars, weil der Siegeszug des Tonfilms eine Karriere vorzeitig beendet hatte, die auf der Technik des Stummfilms beruhte.

Ihre Stimme war in der Tat bemerkenswert. Als ich sie fragte, warum sie das Filmen aufgegeben hatte, erzählte sie mir offen, sie habe es deshalb getan, weil es sie langweilte, immer und immer wieder dasselbe zu machen.

Kürzlich erzählte mir ein amerikanischer Filmemacher, der Deutschland besuchte, um für das kanadische Fernsehen einen Dokumentarfilm über die „Überlebenden“ aus dem Berlin der Dreißiger Jahre zu drehen, dass von allen Leuten, die er gefilmt hatte, Louise Brooks die atemberaubendste sei : dass ihre Stimme wunderbar sei und dass er nicht verstehen könne , warum die amerikanischen Filmemacher sie nicht auf die Leinwand zurückgeholt hätten, wie Joan Crawford und Bette Davis.

Da ich sehr viel Zeit mit Louise Brooks bei ihrem Aufenthalt in Paris verbrachte, musste ich mich ganz einfach der Wirklichkeit stellen : Ich befand mich in der Gegenwart eines Menschen, dem eine erstaunliche Persönlichkeit gegeben war. In der Präsenz, die mir in den Zwanzigern so rätselhaft erschienen war, erkannte ich nun das Werk eines Lebens, das  durch ihre unbezweifelbaren Eigenschaften des Verstandes und des Herzens gespeist wurde :

Freimütigkeit der Meinung, Klarheit in der Beobachtung von Menschen und Dingen, die Gewohnheit, sich mit völliger Aufrichtigkeit zu äußern. Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen, ob sie denn tatsächlich das Buch von Schopenhauer gelesen habe, das ich in ihren Händen gesehen hatte. Sie hatte es gelesen, und sie hatte auch Proust gelesen, sowie mehrere andere Schriftsteller, die man  bei Filmleuten kaum zu finden gewohnt war.

Aber nichts konnte mich noch wirklich überraschen an dieser Frau, deren einzigartige Geistesstärke ich nun endlich schätzen gelernt hatte.

Seitdem verbindet uns eine seltene Freundschaft – eine feste unverbrüchliche Freundschaft, die keine Meinungsverschiedenheit zu zerstören vermag. Und als ich in Frankreich eine Neuauflage meines Buches „L`Ecran Démoniaque“ erschien, konnte ich, da ich sie nun soviel besser kannte, schreiben : „Heute wissen wir, dass Louise Brooks nicht nur ein blendendes Geschöpf ist, sondern eine erstaunliche Schauspielerin, begabt mit beispielloser Intelligenz.“

 

Louise Brooks macht keine Filme mehr. Sie widmet sich der Malerei, und zwar malt sie einen sehr direkten Stil, der ein wenig der alten chinesischen Malerei gleicht.

Als ich 1960 in ein neues Haus umzog, schickte sie mir eines ihrer Bilder : Es zeigt einen Baum in klaren starken Linien, in weißen , schwarzen und grauen Tönen, und  mit einer roten Signatur, die nach dem Vorbild chinesischer Schriftzeichen gestaltet war.

Und sie schrieb , dass dieses Geschenk von einer alten Chinesin komme, von „Lou Brou“.

 

Das Wiederlesen ihrer Briefe bereitet mir immer großes Vergnügen, weil diese entschieden unabhängige Frau in ihrer Einsamkeit eine echte Schriftstellerin geworden ist. Sie bescherte uns Essays über das Kino ihrer Epoche und die Stars, denen sie begegnet ist und die sie beobachten konnte ( Gish, Garbo, Chaplin, W C Fields, Humphrey Bogart ) – Essays , die durch ihre Ausgewogenheit und ihre Einsichten auffallen. Mit der eigenen Freimütigkeit und mit der Weigerung, sich den Vorurteilen des Augenblickes zu unterwerfen, sah sie diese Menschen und Ereignisse, ohne sich beirren oder täuschen zu lassen. Der Verleger, der plante, diese Stücke zu einem Buch zusammenzustellen, tat keinen Missgriff, denn dieses Buch offenbart die Kehrseite des „Hollywood-Glamours“. Und wir können ganz beruhigt sein : eine Huldigung dieser Art wird unserer „Philosophin“ ganz bestimmt nicht zu Kopfe steigen, schrieb sie mir doch kürzlich unverblümt auf einer Weihnachtskarte : „Ich werde nicht mehr schreiben. Es ist eine nutzlose Übung für den Leser , die sich vom Publicity-Schund füttern lassen, die Wahrheit zu schreiben.“ Wir wollen ihr nicht widersprechen.

Es ist trotzdem schade, dass nun ihr lebenslanges Interesse an der „Wahrheit“ sie am Ende davon abhält, der Welt jene Wahrheiten zu geben, die sie doch braucht und verdient.“.

 

   

 

 

 

Zwei Zigarettenbilder, die in Deutschland durch den ROSS Verlag ( Berlin ) vertrieben wurden. Bild 1 entstand während der Berliner Zeit von Louise Brooks im Berliner Atelier BIEBER.

Bild 2 ist entstand bei der Paramount / USA.

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